Ein Stolperstein fĂŒr die Diakonisse Marie Runkel

14.06.2018

Bildinhalt: Ein Stolperstein fĂŒr die Diakonisse Marie Runkel | Die Diakonisse Marie Runkel als junge Schwester um 1910 (Foto: Archiv Diakonissenhaus Leipzig)
Die Diakonisse Marie Runkel als junge Schwester um 1910 (Foto: Archiv Diakonissenhaus Leipzig)
 

Die Diakonisse Marie Runkel gehörte von 1913 bis 1941 fast 30 Jahre dem Leipziger Diakonissenhaus an und widmete hier ihre Arbeit der Pflege hilfebedĂŒrftiger Menschen. Als sie in den 1930er-Jahren selbst psychisch erkrankte, fiel sie dem nationalsozialistischen Vernichtungssystem zum Opfer und wurde am 17. MĂ€rz 1941 im Alter von 62 Jahren in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. Mit einem Stolperstein möchte das Ev.-Luth. Diakonissenhaus Leipzig und das Ev. Diakonissenkrankenhaus Leipzig nun an ihr Schicksal erinnern und fĂŒr sie einen wĂŒrdigen Gedenkort schaffen. Die Verlegung des Stolpersteins findet am Donnerstag, 21. Juni 2018, um 9 Uhr am Eingang des Diakonissenmutterhauses (Georg-Schwarz-Straße 49) statt. Jeder Interessierte ist herzlich dazu eingeladen, an dieser öffentlichen Veranstaltung teilzunehmen.

Die Stolpersteinverlegung wird durch den KĂŒnstler Gunter Demnig vorgenommen und mitgestaltet von Auszubildenden der Krankenpflegeschule des Diakonissenkrankenhauses. Im Anschluss ist ab ca. 9.30 Uhr eine Gedenkandacht zur Erinnerung an die ermordete Diakonisse Marie Runkel in der Kapelle des Diakonissenhauses geplant. Verbunden wird dies mit einem Vortrag zum Thema „NS-‚Euthanasie‘ und Schizophrenie damals und heute“. Referent ist der Medizinhistoriker Dr. Florian Bruns vom UniversitĂ€tsklinikum Halle.

Zur Erinnerung an Marie Runkel wurde auch eine kleine Ausstellung ĂŒber ihr Leben und ihre Ermordung erarbeitet. Erstmals wird sie an diesem Gedenktag im Foyer vor der Kapelle fĂŒr die Öffentlichkeit zu sehen sein. Inhaltlich ausgestaltet wurde diese Ausstellung von der Kulturwissenschaftlerin Dr. Fruzsina MĂŒller, die sich seit 2016 eingehend mit der Historie des im Leipziger Stadtteil Lindenau ansĂ€ssigen Diakonissenhauses beschĂ€ftigt. UnterstĂŒtzt wurde sie hierbei von Hagen Markwardt von der Stiftung SĂ€chsische GedenkstĂ€tten/GedenkstĂ€tte Pirna-Sonnenstein.

„Die Verlegung eines Stolpersteins fĂŒr unsere Schwester Marie Runkel ist eine lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llige Geste, mit der wir an ihr Schicksal erinnern und uns in Trauer und voller Demut verneigen möchten“, erlĂ€utert Dr. Michael KĂŒhne, Rektor des Leipziger Diakonissenhauses. „Denn wie bei den meisten Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde wurden, gibt es fĂŒr sie bis heute weder einen Grabstein noch einen Ort, wo sie ihre letzte Ruhe fand.“

Zur Person: Marie Runkel

Geboren am 8. November 1878 in Merseburg, arbeitete Marie Runkel nach dem Besuch der BĂŒrgerschule 13 Jahre lang als DienstmĂ€dchen. Ab 1907 erlernte sie im Leipziger Diakonissenkrankenhaus sowie in anderen medizinischen Einrichtungen den Krankenpflegeberuf. Am 29. November 1913 wurde sie zur Diakonisse eingesegnet. Fortan arbeitete sie als Krankenschwester an der Leipziger Augenklinik, in der Michaelisgemeinde und im Krankenhaus Döbeln. Im Jahr 1918 trat sie kurzzeitig aus dem Diakonissenhaus aus und 1921 wieder ein. Sie ĂŒbernahm die Gemeindepflege in Böhlitz-Ehrenberg, wo sie bis zum Ausbruch ihrer psychischen Erkrankung im Jahr 1935 tĂ€tig blieb.

Im November 1935 wurde Marie Runkel in die Leipziger UniversitĂ€tsnervenklinik eingewiesen. Von dort aus kam sie am 5. Dezember 1935 in die Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen. Hier wurde eine Schizophrenie bei ihr diagnostiziert. Am 21. Februar 1941 erfolgte „auf Grund einer Anordnung des zustĂ€ndigen Herrn Reichsverteidigungskommissars“ eine Verlegung in die staatliche Heil- und Pflegeanstalt nach Zschadraß, wo sie nur kurz blieb. Bereits am 17. MĂ€rz 1941 erfolgte eine erneute Verlegung in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurde – gemeinsam mit 81 weiteren aus Zschadraß deportierten Menschen, die allein an jenem Tag der nationalsozialistischen Mordaktion an psychisch kranken und behinderten Menschen („T4“) zum Opfer fielen. Ihre Asche wurde vermutlich hinter dem TötungsgebĂ€ude einen Hang hinabgeschĂŒttet.


Nachricht vom 14.06.2018
Autor: S. Ruccius