Stadt Leipzig diskutiert das Ehrenamt

23.07.2014

Bildinhalt: Stadt Leipzig diskutiert das Ehrenamt  | Für den BV Leutzsch nahm Vorsitzender Christian Möckel an der Veranstaltung teil/Foto: E. Engelhardt
Für den BV Leutzsch nahm Vorsitzender Christian Möckel an der Veranstaltung teil/Foto: E. Engelhardt
 

Der Saal war gut gefüllt, das Thema zog die Menschen am Donnerstagabend, den 17. 07. 2014, ins Haus der Stadtmission in die Demmeringstraße 18 nach Leipzig-Lindenau. Auf dem Programm stand eine Veranstaltung der Stadt Leipzig im Rahmen der Reihe „Leipzig weiter denken“ mit dem etwas provokanten Titel „Ehrenamt – Zukunfts- oder Auslaufmodell in Leipzig?“. Zu einer Diskussionsrunde mit Bürgerbeteiligung war eingeladen worden. Beteiligt waren die Bürgerinnen und Bürger allerdings nur am Rande. Wer nicht zu den Auserwählten an den Redetischen gehörte, hatte kaum eine Möglichkeit aktiv mitzudiskutieren. Wohl gab es die Alternative seine Meinung und Fragen zum Thema auf Zettel zu schreiben, die sich nebst Stift auf jedem Stuhl befanden. Diese wurden dann von flinken MitarbeiterInnen eingesammelt und nach einer Sichtung gruppiert und auszugsweise ins Podium gegeben. Ansonsten blieben die Diskutierenden eher unter sich. Mit Verspätung begann die Veranstaltung, weil nicht alle eingeladenen Gäste pünktlich zur Stelle waren. Durch den Abend moderierten und führten Fritjof Mothes vom StadtLabor Leipzig und Martin Karsten vom FORUM aus Bremen.

Den Auftakt der Veranstaltung übernahm Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der mit Freude wahrnahm, dass neben BürgerInnen, Vereinsvorständen und Mitglieder von Initiativen, auch einige Stadträte der Einladung gefolgt waren. In seinem Eröffnungsstatement teilte der Oberbürgermeister mit, dass für ihn das Ehrenamt keinesfalls ein Auslaufmodell sei. Er betonte die Wichtig- und Notwendigkeit der Leipziger Vereinslandschaft für das Gemeinwohl und Zusammenleben. Deutlich wurde dies auch an der Zahl von 25 Millionen Euro, die Leipzig jährlich den Vereinen zugutekommen lässt. Über die Verteilung des Geldes entscheidet der Stadtrat. Jung gab bekannt, dass die Verwaltung eine umfassende Bestandsaufnahme des Leipziger Vereinslebens plant. Auch eine Anlaufstelle für Vereine im Stadtbüro des Oberbürgermeisters soll eingerichtet werden, wo Vereine Hilfe bei Antragstellungen bekommen sollen oder an die zuständigen Stellen weiter vermittelt werden. „Die Stadt kann helfen, dass Vereinsarbeit geachtet wird. Wir sind an einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Vereinen interessiert, aber die Stadt kann nicht die Arbeit von Vereinen machen.“, stellte der Oberbürgermeister in seiner Rede allerdings ebenfalls klar. Laut Jung sollen neue Rahmenrichtlinien zur Förderung von Vereinen vom Stadtrat erarbeitet werden, anschließend würden die Fachförderrichtlinien überarbeitet. Bisher gibt es die Projektförderung, die institutionelle Förderung und die langjährige Rahmenvereinbarung als Förderung. Um Vereinsarbeit weiterhin zu gewährleisten nannte Burkhard Jung unter anderem die Fusionierung von Vereinen und die Entwicklung von Doppelstrukturen als Beispiele. Gerade mit einer stärkeren Fusionierung innerhalb der Vereinslandschaft ist Burkhard Jung bisher nicht auf Gegenliebe bei den Vereinen gestoßen. „Wir brauchen neue Ideen, deswegen sind wir heute hier, um das Thema nach vorn zu denken.“, gab der der Oberbürgermeister der Veranstaltung mit auf den Weg.

Diskutiert wurde im Laufe des Abends an drei Arbeitstischen. Unter dem Thema „Ehrenamt: Probleme“ waren VertreterInnen von Vereinen eingeladen, die über ihre tägliche Arbeit an der Basis berichteten. Heraus kam dabei, dass sich die Vereine in Leipzig mehrheitlich hauptamtliche Mitarbeiter wünschen, die ihnen Verwaltungs- und organisatorische Aufgaben abnehmen. Durch das Wegbrechen des zweiten Arbeitsmarktes, woher die Vereine bisher ihre Mitarbeiter bezogen haben, sehen viele einer eher düsteren Zukunft entgegen. Nico Singer vom Ökolöwe e. V. machte auf die Bedeutung dieser MitarbeiterInnen besonders aufmerksam. Auch Bundesfreiwillige stehen dem Verein bald nicht mehr zur Verfügung. Dies führe zu einer Reduzierung der Öffnungszeiten der Umweltbibliothek und auch zu einer Streichung von Veranstaltungen, die ohne Personal nicht leistbar sind, so Singer weiter. Geld und das Fehlen hauptamtlicher Mitarbeiter erwiesen sich als die Hauptprobleme während dieser Runde. Mit dem Förderverein Bülowviertel e. V. war auch eine Vertreterin eines positiven Beispieles in der Runde, allerdings ist der Verein sehr klein und stemmt daher nur zwei Veranstaltungen im Jahr.

Am nächsten Diskussionstisch fanden sich die Fachbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke), Beigeordneter für Umwelt, Ordnung und Sport, Prof. Dr. Thomas Fabian (SPD), Beigeordneter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule und Michael Faber (parteilos), Beigeordneter für Kultur, ein und sollten unter dem Thema „Ehrenamt: Unterstützung“ miteinander diskutieren. Zu ihrer Runde gesellte sich noch Angelika Kell von der Stiftung „Bürger für Leipzig“. Dieser Part blieb schwammig, jeder der Fachbürgermeister versuchte sich auf seine Art zu profilieren, nannte positive Beispiele für die Unterstützung von Vereinen und verwies auf die vorhandenen Fördermöglichkeiten. Wirklich neue Ideen fanden sich nicht. Vereinsarbeit müsse schon in der Jugend losgehen und dann bis ins Alter beibehalten werden, war beispielsweise der Ansatz von Prof. Dr. Fabian, der auf seine eigenen Vereinserfahrungen verwies. Etwas lebhafter wurde die Diskussion als eine Vertreterin des sich in Auflösung befindlichen Bürgervereins Gohlis aus dem Publikum heraus vehement Antworten einforderte. An dieser Stelle wurde deutlich, dass vor allem Vereine mit einem finanzstarken Sponsor im Sinne der Runde waren. Auf die Frage, wie man die Vereinsarbeit ohne hauptamtliche Kräfte gewährleisten solle, wusste keiner eine Antwort.

Die dritte und letzte Diskussionsrunde wurde aufgrund der vorangeschrittenen Zeit sehr knapp gehalten. Das Thema „Ehrenamt: Zukunftsvisionen“ stand hier über dem Diskussionstisch. Hildegunde Rech, die Leiterin der Abteilung Jungendarbeit des für Amtes für soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden, konnte kurz erklären, dass in der hessischen Landeshauptstadt bereits seit 2005 erfolgreiche Projekte laufen, die soziale Einrichtungen und Unternehmen miteinander verbinden. Wieder wurde die Wirtschaft als wichtiger Faktor zur Stärkung des Vereinslebens hervorgehoben. Ähnlich argumentierte auch Gudula Kienemund, die Geschäftsführerin und Gesellschafterin der Leipziger KulturPaten. Die KulturPaten bringen Unternehmen und Vereine mit kultureller Ausrichtung zusammen. Dabei geht es um konkrete Unterstützung der Vereine, nicht mit Geld sondern mit Arbeit, Know-how oder Equipment. Dies kann etwa in einer erstellten Webseite münden, in einer Rechtsberatung zur Vertragserstellung, Dreharbeiten für einen Filmtrailer oder in Coaching von Management und Öffentlichkeitsarbeit. Auch Birgit Höppner-Böhme von der Freiwilligen-Agentur-Leipzig e. V. bekam noch ein paar Minuten Redezeit eingeräumt, um zu erklären, wie sie Menschen, die sich engagieren wollen und Vereine miteinander verbindet.

Abschließend fasste Oberbürgermeister Jung den Abend als für ihn „absolut sinnvoll zusammen“ und appellierte nochmals an die Vereine ihre Mitglieder zu halten und durch die Gewinnung neuer Mitglieder zu vermehren, möglicherweise die Strukturen innerhalb des Vereins anzupassen und sich der Zusammenarbeit mit Unternehmen, die Vereine aber nicht nur mit Geld unter die Arme greifen können, nicht zu verschließen. Der Schulterschluss von Vereinen und Wirtschaft ist aber auch nicht für jede Art von Verein machbar, ein Punkt der nicht erhellend ausgeführt wurde. Auch die passiven Mitglieder sollten gehalten werden, denn mit ihren Beitragszahlungen tragen sie auch zum Erhalt des Vereins bei. Weiterhin verwies Burkhard Jung auf die Nutzung der neuen Medien. Internetplattformen können für die Vereinsarbeit sinnvoll genutzt werden und auch Werbung im Radio komme trotz Fernsehen und Internet immer noch gut an. Sollte die Verwaltung eine neue Richtlinie für die Vereine erarbeitet haben, würde diese erst mit den Bürgerinnen und Bürgern diskutiert werden, bevor sie in den Stadtrat käme, versprach der Oberbürgermeister, bevor er sich mit Dank an alle Beteiligten verabschiedete.

Zurück blieb ein nach über zwei Stunden relativ ernüchtertes Publikum, dass sich wohl mehr erhofft und erwartet hatte, als eine Anbindung von Vereinen an die Wirtschaft.


Nachricht vom 23.07.2014
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