60 bis 80 Altbauten in Leipzig sind akut vom Einsturz bedroht

11.03.2014

Bildinhalt: 60 bis 80 Altbauten in Leipzig sind akut vom Einsturz bedroht  | Fritjof Mothes vom HausHalten e. V. / Foto: André Kempner
Fritjof Mothes vom HausHalten e. V. / Foto: André Kempner
 

Verein "HausHalten" fordert Rettung per Sofortprogramm

In der Slevogtstraße 23 in Möckern wird gerade ein Gründerzeithaus abgerissen. Trotz aller Bemühungen der Stadt und des Vereins "HausHalten" war es nicht mehr zu retten. Wir sprachen mit Vereinsvorstand Fritjof Mothes (43) über das dahinter steckende Dilemma und über Wege, den Abriss weiterer Baudenkmäler in Leipzig zu verhindern.

Frage: Sie fordern ein Sofortprogramm, damit sich das traurige Schicksal der Slevogtstraße 23 nicht wiederholt. Wo besteht akut die Gefahr für einstürzende Altbauten in Leipzig?

Fritjof Mothes: Leider gibt es stadtweit noch 60 bis 80 Häuser, die verloren gehen könnten, wenn nicht alsbald gehandelt wird. Das betrifft Gebäude in zentraler Lage wie das ehemalige Hotel Bayerischer Hof in der Wintergartenstraße, vor allem aber städtebaulich wichtige Häuser entlang der Einfallstraßen wie Georg-Schumann-Straße, Lützner Straße, Eisenbahnstraße oder an der Wurzner Straße, wo ja gerade erst die Reste eines eingestürzten Hauses abtransportiert werden mussten.

Frage: Wie könnte ein Sofortprogramm zur Rettung aussehen?

Fritjof Mothes: Zuerst wird ein vollständiger Überblick benötigt, welche Gebäude aktuell akut gefährdet sind. Dazu gibt es an verschiedenen Stellen im Rathaus, bei "HausHalten" und anderen Akteuren Erkenntnisse, die zusammengeführt werden müssen. Dann braucht es ein zwischen allen Beteiligten eng abgestimmtes Zusammenspiel aus Ansprache und Beratung der Eigentümer, eine konzentrierte Suche nach handlungsfähigen Investoren, das Angebot von Fördermöglichkeiten und manchmal auch Druck. Die Eigentümer müssen vertrauensvoll an die Hand genommen, ihnen verschiedene Optionen dargestellt und Mut gemacht werden. Falls sich herausstellt, dass sie mit der Erhaltung ihres Gebäudes überfordert sind, sollte ihnen - natürlich mit Fingerspitzengefühl - auch ein Verkauf nahegelegt werden. Die Arbeitsgruppe Gebäude des Magistralenmanagements in der Georg-Schwarz-Straße ist genau mit diesem Ansatz sehr erfolgreich. Dort arbeiten Ämter, "HausHalten" und lokale Akteure jetzt Haus für Haus ab - in direktem Kontakt zu den Eigentümern. So ein Vorgehen benötigen wir stadtweit.

Frage: Die Stadt leistete sich jahrelang ein Gebäudesicherungsprogramm. Reicht das nicht aus?

Fritjof Mothes: Dieses Programm wird von Jahr zu Jahr mit weniger Mitteln ausgestattet und greift außerdem zu kurz. Eine Notsicherung ist nur ein Schritt auf dem Weg zur Wiederbelebung eines Gebäudes. Genauso dringend sind die Eigentümerberatung und aktive Suche nach einem Investor. Oder eine Zwischennutzung durch Künstler, Vereine und Start-Ups nach dem "HausHalten"-Prinzip: also Hauserhalt durch Nutzung. Gebäude, für die sich keine solche Lösung abzeichnet, müssen anders aufgefangen werden. Eine Möglichkeit wäre die Schaffung eines Ankaufträgers, der schnell handeln kann, gefährdete Häuser ankauft und sichert.

Frage: Wer soll das bezahlen?

Fritjof Mothes: Ein Ankaufträger würde die gesicherten Gebäude wieder an den Markt bringen und sie Investoren, aber auch interessierten Gruppen von Selbstnutzern oder Kleingenossenschaften anbieten. Andere Städte haben damit gute Erfahrungen gesammelt. So kann ein großer Teil des eingesetzten Geldes wieder eingespielt werden. Die Alternative Abriss mit allen Folgekosten wie Nachgestaltung der Fläche, Sicherung der Giebel der Nachbarhäuser ist für die Stadt nicht günstiger. Das haben Beispielrechnungen bewiesen. Und das Geld ist dann verloren!

Frage: Woran lag, dass die Slevogtstraße 23 nicht zu retten war?

Fritjof Mothes: Das Verfahren zog sich bereits seit Jahren hin. Es ist der typische Fall eines gutwilligen Eigentümers, der in einigen tausend Kilometern Entfernung lebt, nicht mit der nötigen Kapitaldecke ausgestattet ist. Und dem das Projekt dann über den Kopf wächst. Hinzu kommen Sprachbarrieren, auch zu wenig konstruktive Kontakte zwischen Verwaltung und Eigentümer sowie festgefahrene Verwaltungsakte. Dieser Mix führte letztlich zum Abriss. Nachdem wir von dem Fall erfahren haben, hat "HausHalten" in letzter Minute einen erfahrenen sanierungswilligen Investor ins Spiel gebracht. Der wurde sich zwar mit dem Eigentümer einig, konnte aber wegen der festgelegten Terminkette für den Abriss nicht mehr schnell genug handeln. Es war schlicht zu spät. Genau deshalb soll das von uns geforderte Sofortprogramm frühzeitig ansetzen.

Interview: Jens Rometsch

Leipziger Volkszeitung, vom 08./09. 03. 2014


Nachricht vom 11.03.2014
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