Leutzscher Geschichten in neuem Büchlein- LVZ berichtet

30.11.2016

Bildinhalt: Leutzscher Geschichten in neuem Büchlein- LVZ berichtet | LVZ, 25.11.16, Fotos: André Kempner
LVZ, 25.11.16, Fotos: André Kempner
 

LVZ, 25.11.16, Seite 22:
„Schreib’sauf, Oma!“
Die Leutzscherin Monika Kirst erzählt
spannende Geschichten über ihren Stadtteil
VON ANDREA RICHTER

Leutzsch. Einst fühlte sich hier Kofferfabrikant Anton Mädler zu Hause, und auch für Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur war Leutzsch eine Heimat. Der Stadtteil beherbergte zugleich zahlreiche Industriebetriebe und wurde durch den einstigen DDR-Fußballmeister, die BSG Chemie, bekannt. Diese und viele andere interessante Geschichten ranken sich um das Viertel im Leipziger Westen. Monika Kirst, zweifache Mutter, sechsfache Oma und vierfache Uroma, sorgt dafür, dass sie nicht vergessen werden.

„Fast immer, wenn ich meinen Enkeln Geschichten aus dem Stadtteil erzählt habe, haben sie hinterher gesagt: ,Schreib’s auf, Oma!‘“. Besonders die heute 30-jährige Anne, mittlerweile promovierte Ärztin, hätte sie darin bestärkt. Und nun hat sie’s getan: Noch in diesem Jahr erscheint im Böhlitz-Ehrenberger Verlag der Werbeagentur Kolb das Büchlein „Leutzsch – erlebt, erkundet, zugehört“. An Monika Kirsts Seite: Peter Hartmann, der nimmermüde mit seiner Kamera auf der Pirsch ist, um das Antlitz des Viertels festzuhalten und dem es gelingt – wie im Büchlein zu lesen ist – „genau in dem Moment vor Ort zu sein, wenn sich endlich die Pferde an den Vierackerwiesen vor dem riesigen Findling fotogen aufstellen“.

Unterstützung erhielt die 77-Jährige auch vom örtlichen Bürgerverein, den sie mit gründete. Leutzscherin von Kindesbeinen an, ist Monika Kirst mit diesem ihrem Stadtteil eng verbunden. Das Buch ist, wie sie sagt, ihr ganz privater Blick auf den Stadtteil, „trotzdem lugt für mich aus kleinen Begebenheiten auch ganz große Geschichte heraus“. So erzählt sie vom Parkgelände „Wasserschloss“, das in den Jahren nach 1989 vom Widerstand der Leutzscher gegen einen Bebauungsplan zeugt, der sie vom Park ausgesperrt und eine massive Verkehrstrasse durch den Ortskern ermöglicht hätte.

Mit scharfem Auge hat sie Details im Blick: „Viele Anwohner laufen täglich über Zeugnisse alter Leutzscher Industriegeschichte“, schildert die promovierte Kulturwissenschaftlerin. „Es sind die Pflastersteine aus Schlacke, bei feuchtem Wetter zum Schlittern geeignet. Rad- und Motorradfahrer wissen das schon lange.“ Doch über die Industriegeschichte weiß Monika Kirst noch viel mehr: „Bogenlampen aus Leutzsch erhellten einst den Suezkanal und die Wiener Innenstadt. Ein Blüthner-Flügel flog mit im Zeppelin. Und ein Leutzscher Wohnhaus und der Petershof in der Leipziger Innenstadt haben eine kuriose Gemeinsamkeit.“

Und so erzählt sie die Geschichte vom übergroßen steinernen Mann vor einem Haus in der Philipp-Reis-Straße, der vor allem die Kinder beeindruckte. Eines Tages, nach 1989, sei er plötzlich verschwunden, der Mann. Einfach so. Doch es gab ein Wiedersehen. „Ich entdeckte ihn eines Tages zu meiner großen Überraschung in der Innenstadt. An der Fassade des Petershofes in einer Reihe weiterer Figuren“, sagt Monika Kirst. Es war Architekt Alfred Liebig (1878–1952), der das später als „Capitol“ bekannte Haus in der Petersstraße entwarf. Bis 1938 hatte die Figur dort gestanden – gemeinsam mit Abbildern derer, die sich um Leipzig und den Bau des Hauses verdient gemacht hatten. Doch weil unter diesen Herrschaften auch der Jude Hans Kroch war, ließen die Nazis sämtliche Statuen entfernen – und Alfred Liebig holte „sich selbst“ an sein damaliges Wohnhaus in der Leutzscher Philipp-Reis-Straße. Diese Figur war es dann auch, die dem Leipziger Bildhauer Markus Gläser als Maß und Anschauung für eine Nachbildung der insgesamt sieben Beton-Statuen diente, denn die übrigen sechs waren verschwunden. Dank des Künstlers stehen die steinernen Männer nun wieder komplett hoch oben über der Petersstraße auf ihren Sockeln – und Alfred Liebig gibt es zweimal.

Monika Kirst freut sich auf das Erscheinen des Büchleins Anfang Dezember und hofft, damit dem Stadtteil ein kleines Denkmal setzen und dem Bürgerverein Mut machen zu können. Erhältlich ist „Leutzsch – erlebt, erkundet, zugehört“ in der Buchhandlung in den Leutzsch-Arkaden und im Geschäft in der Leipziger Straße 71 in Böhlitz-Ehrenberg.



Nachricht vom 30.11.2016
Autor: Susanne